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Was Sie schon immer über "dr Rauhremer Saad" wissen wollten

Ein Teil der Rohrauer Einwohner baute seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts den östlich vom Ort anstehenden Keupergips und den Stubensandstein ab, um sich durch den Verkauf desselben einigen Verdienst zu sichern. In dem Bericht von 1855 heißt es dazu: „Die Unbemittelten, deren es viele gibt, bauen den östlich vom Dorf anstehenden Keupergips ab, den sie in den zwei im Ort vorhandenen Gipsmühlen mahlen und dann in der Umgegend absetzen. Einzelne gewinnen auch aus den nicht fern von den Gipsgruben gelegenen Sandsteinbrüchen weißen Stubensand, durch dessen Absatz sie sich einen spärlichen Verdienst sichern.“

Die Geologen bezeichnen den Stein, der hier abgebaut wurde, als Stubensandstein. Der Name rührt davon her, dass der leicht in losen Sand zerfallende Stein früher als Fegesand, zum Fegen der Holzböden in den Häusern, verwendet wurde. Der Verkauf von Fegesand war noch vor wenigen Jahrzehnten eine wichtige Erwerbsquelle für einige Schönbuchorte. Die Rohrauer und auch die Mönchberger haben danach ihren Spitzname „Saadmänner“ erhalten.

Der Stubensandstein besteht vorwiegend aus Quarzkörnern verschiedener Größe (0,2 – 2 cm), die durch Bindemittel verkettet worden sind. Besteht das Bindemittel aus weißem Ton, dann verwittert der Sandstein sehr leicht zu mürben Sanden. Durch mikroskopische Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass im Stubensandstein recht verschiedene Mineralien enthalten sind, wie z.B. Turmalin, Granat, Magneteisen und sogar kleine Goldflitter.

Die Arbeit in den Gips- und Sandsteinbrüchen war sehr schwer und kostete viel Mühe und Schweiß. Morgens, nachdem die Arbeit im Stall verrichtet war – die meisten Sandbauern hatten noch Landwirtschaft, die sie neben dem Sandverkauf umtrieben – gingen die Sandbauern hinauf in die Sandsteinbrüche an der Steige. Dort galt es, in mühseliger Arbeit den Stubensandstein zu brechen. Oft waren es tischgroße Steinplatten, die ausgegraben und freigelegt werden mussten. Diese Platten wurden dann in kleinere Brocken zerschlagen, damit sie auf das Fuhrwerk aufgeladen werden konnten. Nun war für die weitere Tagesarbeit vorgesorgt und mit dem beladenen Wagen ging es zur Sandmühle.

Diese Sandmühlen waren in Holzschuppen untergebracht. Dort war in den Boden ein großer Stein waagrecht eingelassen. Dieser wog fast 20 Zentner und musste, wie Herr Wilhelm Holzapfel, der letzte noch lebende Rohrauer Sandbauer, erzählte, für diese Arbeit extra von Hinterweiler bei Gomaringen herbeigeschafft werden. Auf dieser Steinplatte stand nun senkrecht der etwas kleinere und 13 bis 14 Zentner wiegende Mahlstein. Ein Rundholz, an welchem außen das Pferd angeschirrt wurde, diente als Drehachse für den Mahlstein. Bevor jedoch das Mahlen beginnen konnte, mussten die herbeigeführten Steinplatten zerschlagen und zerkleinert werden, bis sie etwa die Größe von Schottersteinen hatten, die heute beim Straßenbau verwendet werden.

Seit dem Brechen der Steine am Morgen war inzwischen der halbe Tag vergangen. Die meisten Sandbauern arbeiteten nämlich allein oder wurden höchstens von ihren Frauen bei dieser harten Arbeit unterstützt. Erst jetzt konnte die Sandmühle in Bewegung gesetzt werden. Nach dem Mittagessen wurde das Pferd an der Mühle eingespannt. Nun musste es stundenlang den schweren Mahlstein im Kreis drehen, während der Sandbauer damit beschäftigt war, den gemahlenen Sand mit einem eisernen Haken unter den Mahlstein zu schieben. Damit das Pferd diese Arbeit verrichten konnte und damit ihm nicht schon nach kurzer Zeit schwindelig wurde, mussten ihm mit zwei Hüten die Augen verbunden werden. Erst dann war ein Erfolg versprechendes Arbeiten des Pferdes zu erwarten. Wie Herr Holzapfel heute noch erzählt, kam es nämlich auch vor, dass ein Pferd sich an dieses eintönige Gehen im Kreis nicht gewöhnen konnte, sodass es verkauft werden musste. Man sieht aus diesen Berichten, welche ungeheuren Anforderungen diese schwierige und Kräfte zehrende Arbeit an Mensch und Tier stellte.

War nun einiger Sand gemahlen, so schaufelte ihn der Sandbauer in ein feines Drahtsieb, durch das nur noch feinster pulverförmiger Sand hindurch fiel. Während der gröbere Rückstand nochmals unter den Mahlstein kam, wurde der gesiebte Sand in Säcke abgefüllt und kam zum Verkauf. Oft mussten lange Strecken zurückgelegt werden, um die Jahrzehnte alte Kundschaft zu beliefern. So fuhren die Rohrauer mit ihren Sandwagen bis auf die Alb, in den Schwarzwald und ins Unterland. Die Touren führten sie zum Beispiel nach Reutlingen, Urach, Münsingen, Ebingen oder in den Schwarzwald nach Wildbad, Herrenalb, Neuenbürg und sogar nach Enzklösterle.

Unter den Kunden gab es auch einige Großabnehmer, zu denen sich viele vornehme Hotels, Krankenhäuser und Wirtschaften zählten, wie z.B. das Hotel Bellevue in Wildbad oder das Marienhospital in Stuttgart. Natürlich waren die Rohrauer auch in den näher liegenden Ortschaften oft unterwegs und zogen mit dem Ruf: „Saad, Leut, kaufet au Saad“ durch die Straßen.   Beim Verkauf wurden zwei Sorten Sand angeboten. Einmal war es der feine Fegsand, zum anderen der noch feinere pulvrige Silbersand. Der Name Silbersand rührt nicht vom Silbersandstein her, es war ebenfalls Stubensandstein, sondern von seinem silbrig glänzenden Aussehen. Mit diesem Pulver wurden Tische, Stühle, Böden und auch Geschirr gereinigt.

Die Rohrauer waren auf ihren Sand besonders stolz, denn sie hatten keine Konkurrenz zu fürchten. Herr Holzapfel berichtet diesbezüglich vom Zusammentreffen mit einem Sandbauern aus Sternenfeld bei Mühlacker, dessen Sand in keiner Weise dem Rohrauer Sand entsprach. Der Sand sei viel schmutziger und dunkler gewesen, während der Rohrauer Sand fast weiß war und silbern glänzte.

Neben dem Sandstein wurde im Akazienhain Gips gebrochen, der ebenfalls in den umliegenden Ortschaften verkauft wurde. Der Verkauf dieser Stoffe ging jedoch nicht immer in gewünschter Weise vonstatten und die Rohrauer waren tagelang unterwegs, bis sie endlich mit leerem Wagen den Heimweg antreten konnten. Oft hatten sie auch Sand geladen, und als sie beim Kunden vorfuhren, wünschte dieser Gips oder umgekehrt. Daraus entstand dann der so wohlbekannte Ausspruch der Sandbauern:

„Hau e Saad, no wellet se Gips, hau e Gips, no wellet se Saad, hau e Saad und Gips, no wellet se nix, die Blitz.“

Obwohl bald andere Putzmittel (Vim usw.) auf den Markt kamen, die den Sand fast völlig verdrängten, konnte Herr Holzapfel seine Arbeit bis Anfang der 1960er Jahre durchführen. Als ihm dann seine Sandmühle abbrannte, gab er diese schwere Arbeit auf.

Einen Zentner Sand konnte er damals noch für 2 bis 3 DM verkaufen. Selbstverständlich konnten durch diesen Sandverkauf keine großen Verdienste gemacht werden, doch er bedeutete die einzige sichere Existenzgrundlage für die Leute in jener Zeit, die durch die Landwirtschaft allein sehr gefährdet war. 

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